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Ein Kurs für schlagende Frauen

Seit sieben Jahren führt der Kanton Baselland ein Lernprogramm für gewalttätige Männer durch. Jetzt wird dieser Kurs auch für gewalttätige Frauen aufgezogen - ein Novum in der Schweiz. Dass Männer das Tätergeschlecht sind, wird uns unablässig von Medien und einschlägigen Politikern suggeriert. Doch es gibt auch Frauen, die gewalttätig sind, gegen ihren Partner, gegen ihre Kinder. Bloss: Darüber wird kaum gesprochen, weil sich der geschlagene oder bedrohte Mann schämt, sich als Opfer zu «outen», und weil die misshandelten Kinder oft nicht wissen, an wen sie sich wenden können.

Bei Polizeiinterventionen wegen häuslicher Gewalt mit strafbarem Tatbestand im Baselbiet betrug der Anteil der tatverdächtigen Frauen im Jahre 2004 15 Prozent. Letztes Jahr waren es bereits 20 Prozent. Gegen rund 35 Frauen wurde im vergangenen Jahr wegen häuslicher Gewalt ein Strafverfahren eröffnet. Dass die angeblich schwache Frau ihren Partner schlägt, passe nicht ins Bild, das sich die Gesellschaft von der Frau mache, weiss die basellandschaftliche Justizdirektorin Sabine Pegoraro. Deshalb werde das Thema nach wie vor tabuisiert.

Dieses Tabu will der Kanton Baselland nun brechen. Gestern stellte die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Vertretern von Strafuntersuchungs-, Vormundschafts- und Sozialhilfebehörden sowie anderen Beratungsinstitutionen die «kleine Schwester» des Lernprogramms für gewalttätige Männer vor. Den Kurs für Männer gibt es schon seit sieben Jahren - rund 60 Männer besuchen ihn derzeit jährlich. Jetzt soll der gleiche Kurs für gewalttätige Frauen aufgezogen werden.

Sobald sich sechs Frauen angemeldet hätten, werde das Programm gestartet, sagte Ariane Rufino, Co-Leiterin der Interventionsstelle. Es handelt sich dabei um ein Pilotprojekt, das vorerst auf zwei Kurse à 21 Wochen beschränkt ist. Die Behördenvertreter wurden gestern über den Kurs orientiert. Die Interventionsstelle hofft, dass beispielsweise die Vormundschaftsbehörden oder Sozialhilfebehörden Frauen, die Mühe haben, mit Aggressionen umzugehen, auf das Lernprogramm aufmerksam machen - und nicht erst ein Richterspruch die Frauen zu dem Kurs verknurren muss. Rufino glaubt sogar, dass sich Frauen auch freiwillig für den Kurs anmelden werden, der pro Teilnehmerin 420 Franken kostet.

Im Kurs werden die Frauen einerseits aufgefordert, sich mit ihren Gewalttaten auseinanderzusetzen - sowohl mit körperlicher als auch mit psychischer Gewalt wie Drohung, Einschüchterung oder Machtmissbrauch. Andererseits sollen sie Alternativen kennen lernen - zum Beispiel «miteinander reden». «In vielen Familien ging die Kommunikationsfähigkeit verloren», so Rufino.

«Die Familienmitglieder reden nicht mehr miteinander, sitzen stattdessen stundenlang vor dem Fernseher oder Computer.» Wer aber nicht kommunizieren könne, könne auch keine Konflikte lösen.