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Plötzlicher Medienhype: Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich

Am letzten Mittwoch hat der Tages-Anzeiger mit einem grossen Artikel über den geplanten Gesetzentwurf zur gemeinsamen elterlichen Sorge berichtet. Angesichts der langjährigen - weitgehend väterfeindlichen - Haltung dieser Zeitung stellt dies einen bedeutenden und erfreulichen Paradigmenwechsel dar. Nur: Der Neuigkeitswert des Artikels tendiert gegen Null.

Natürlich begrüssen wir, wenn diese für viele Menschen in diesem Land äusserst bedeutsame Frage endlich auch in den Mainstream-Medien in ausgewogenen, gut geschriebenen Artikeln thematisiert wird. Gerade der Tages-Anzeiger hat sich bisher dadurch ausgezeichnet, die legitimen Anliegen von ledigen oder geschiedenen Vätern zu ignorieren oder - noch schlimmer - diese von Opfern zu Tätern zu stempeln.

Da sind natürlich die beiden Artikel samt wohlwollendem Kommentar von Bundeshausredaktor Roland Schlumpf Balsam auf die Seele der Betroffenen. Zumal nun auch einer breiten Öffentlichkeit der ausgesprochene Väterhass der zuständigen Behörden dargestellt wird. Ein Beispiel dafür ist die im Artikel erwähnte, berüchtigte Elternberatungsstelle der Stadt Zürich, die unter anderem Hand in Hand mit der Vormundschaftsbehörde (zumindest unter dem Regime von Monika Stocker) Väter bei der Festlegung von Unterhaltszahlungen systematisch unter das Existenzminimum gedrückt hat.

In Bezug auf die Gesetzesrevision auf der Bundesebene vermag der Artikel jedoch wenig Neues zu sagen. Die Stossrichtung der Reform steht schon seit etwa einem halben Jahr auf der Website des Bundes. Dort steht auch ein geplantes Vernehmlassungsdatum (Oktober 2008), das wiederum bei weitem verfehlt wurde. Ursprünglich wurde der Gesetzentwurf bereits auf September 2007 angekündigt. Die Tatsache, dass es nun nochmals 'einige Wochen' dauert, bis die Vorlage in den Bundesrat und danach in die Vernehmlassung kommt, ist die einzige - schlechte - neue Nachricht aus dem Artikel.

Einmal mehr führt der Berner Schlendrian dazu, dass eine für zahllose Kinder und Eltern so wichtige Gesetzesänderung weiter verzögert wird. Erinnern wir uns: NR Reto Wehrli reicht vor knapp fünf Jahren, am 7.5.04 sein Postulat ein, das am 7.10.2005 vom Nationalrat überwiesen wird. Am 23.3.07 reicht NR Jean-René Germanier zusammen mit 13 Mitunterzeichnern eine Interpellation ein, um vom Bundesrat den Stand der Arbeiten zu erfahren. Eine Anfrage, die inhaltlich nicht beantwortet wird.

Nun muss das Land weiter auf den Gesetzentwurf aus dem Bundeshaus warten. Selbst wenn darin (die eigentlich selbstverständlichen) Anliegen der betroffenen Kinder und Eltern erfüllt werden sollten (wogegen bestimmte Kreise im Parlament und im Bundesrat immer noch opponieren), ist absehbar, dass dieses Gesetz wohl erst in etwa einem Jahrzehnt effektiv in Kraft treten wird. Angesichts der geologischen Zeiträume, die sich der Berner Politbetrieb für die Gesetzesänderung einräumt, wird deshalb noch eine weitere Generation von Kindern unter dem archaischen, gar menschenverachtenden System der Ausgrenzung von Vätern und deren mannigfachen Folgen zu leiden haben.

 

Frontseite Tages-Anzeiger vom 14.1.09

Artikel Tages-Anzeiger vom 14.1.09

Kommentar von Roland Schlumpf

Artikel 20 Minuten