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Und sie bewegt sich doch ...

Im dritten Jahrtausend, in einem modernen, zivilisierten Lebensraum Europa, in einem Land, das sich freiwillig den Menschenrechten unterstellt hat, in einem Land, das seit über 10 Jahren die Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung verankert hat, wo die Schweiz jedoch punkto Gleichberechtigung von Vater und Mutter noch finsterstes Mittelalter ist, muss sich nun auch die SP Schweiz den Realitäten stellen. Sie tut dies in einem interessanten Artikel der Baselstädtischen Nationalrätin Silvia Schenker auf der Homepage der SP.

Gemeinsam Sorgen

Es ist jedem Kind zu wünschen und zu gönnen, dass es mit beiden Elternteilen in regelmässigem Kontakt sein und den Alltag teilen kann. Dies sollte möglich sein, unabhängig vom Zivilstand der Eltern und unabhängig davon, wie Vater und Mutter zu einander stehen.

Dieses Ideal  anzustreben, muss das Anliegen aller sein. Die Realität ist eine andere. Nicht nur aufgrund von Scheidungen, sondern auch aus anderen Gründen wachsen viele Kinder bei einem Elternteil auf und sehen den andern Elternteil mehr oder weniger regelmässig bis selten.

Nun soll eine neue gesetzliche Bestimmung das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall einführen. Dieser Vorschlag wird sehr kontrovers diskutiert.  Befürworterinnen und Befürworter sind davon überzeugt, auf diesem Weg einen Schritt in Richtung geteilte Verantwortung für beide Elternteile auch nach einer Scheidung zu machen. Andere fürchten, mit dem gemeinsamen Sorgerecht als Regelfall Kinder zum Spielball streitender Elternteile zu machen, ohne jedoch an der ungleich verteilten Last der Verantwortung für die Betreuung etwas zu ändern.

Für mich steht das Wohl des Kindes im Vordergrund, wenn ich die Vorschläge des Bundesrats für eine neue Gesetzesbestimmung beurteile. Die Rahmenbedingungen müssen so ausgestaltet werden, dass diesem Anliegen in einem möglichst hohen Mass Rechnung getragen wird. Trotzdem müssen wir uns im gesetzgeberischen Prozess vor Wunschdenken hüten: Das gemeinsame Sorgerecht ist nur dann gut und sinnvoll, wenn die Eltern in der Lage sind, im Alltag diese gemeinsame Sorge effektiv wahrzunehmen, ohne ständig um jede Entscheidung miteinander ringen zu müssen. Gemeinsame Sorge bedingt auch gemeinsames oder abwechslungsweises Sorgen und Betreuen. Die Verteilung von Rechten und Pflichten muss im Gleichgewicht sein. Die Eltern müssen in der Lage sein, glaubhaft darzulegen, dass sie das Sorgerecht in diesem Sinn ausgestalten und leben wollen. Sollte das Gericht zur Einschätzung kommen, dies sei nicht möglich, muss auch in Zukunft die Möglichkeit des alleinigen Sorgerechts bestehen. Denn wer seinen Pflichten nicht nachkommt, kann nicht einseitig Rechte geltend machen.

Wenn ein Elternteil das gemeinsame Sorgerecht anstrebt, sollte es jedoch nicht allein in der Macht des andern Elternteils liegen, dieses abzulehnen. Für solche Fälle müsste eine geeignete Stelle mit der Vermittlung zwischen den Elternteilen betraut werden und versuchen, die Grundlage für das gemeinsame Sorgerecht zu erarbeiten.

Die Elternschaft nach einer (konflikthaften) Trennung gemeinsam auszuüben ist nicht einfach. Im Interesse der Kinder sollten möglichst viele Paare diese schwierige Aufgabe anpacken. Zum Wohle ihrer Kinder und zu ihrem eigenen Wohl.