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Anmerkungen zum Streitgespräch im "20 Minuaten"

Im '20 Minuten' von heute, 1.11.10 ist ein Streitgespräch zwischen Michael De Luigi, Vorstandsmitglied von mannschafft sowie Julia Gerber-Rüegg, die für die SP-Frauen im Zürcher Kantonsrat sitzt, erschienen. Der Versuch, ein differenziertes, anderthalb Stunden langes Gespräch auf 100 Zeilen zu kürzen, ist fast unmöglich und auch nur teilweise gelungen. Deshalb hier noch einige ergänzende Anmerkungen von Michael De Luigi.

Zum administrativen Missbrauch von Kindern: Die wissenschaftliche Forschung belegt, dass die langfristigen Auswirkungen eines als Kind erfahrenen sexuellen Missbrauchs vergleichbar sind mit jenen, die Erwachsene erleben, die als Kind ohne fördernden Vater aufwachsen mussten. Da der Gesetzgeber (im ZGB) wie auch Behörden und Gerichte heute jene Mütter unterstützen, die durch die Verweigerung des Kontaktes zwischen Vater und Kind letzteres erwiesenermassen schwer schädigen, muss sich der Staat den Vorwurf einer Mittäterschaft bei der wissentlichen und absichtlichen Verletzung der kindlichen Psyche gefallen lassen. Diese Aussagen basieren auf folgenden wissenschaftlichen Studien:

  • Die im Vortrag gemachten Aussagen in Bezug auf die kurz- und langfristigen Folgen des Vaterverlustes auf Kinder und allein erziehende Mütter stammen aus Forschungsarbeiten, die der Männerforscher Matthias Franz am Männerkongress 2010 präsentiert hat. Ich kann allen nur empfehlen, sich diese Folien einmal anzusehen.
  • Die Konsequenzen eines als Kind erlebten sexuellen Missbrauchs wurden mehrfach erforscht. Es ist hier nicht möglich, im Einzelnen auf die langfristigen Schädigungen und die dazu gehörende Forschung einzugehen; ich werde für die nächste Ausgabe unserer Vereinszeitschrift ent!scheidung einen Artikel dazu verfassen. Als Startpunkt erwähnt sei jedoch die englischsprachige Wikipedia-Ausgabe, die folgendes festhält: Long term negative effects on development leading to repeated or additional victimization in adulthood are also associated with child sexual abuse. Studies have established a causal relationship between childhood sexual abuse and certain specific areas of adult psychopathology, including suicidality, antisocial behavior, post-traumatic stress disorder, anxiety and alcoholism. Adults with a history of abuse as a child, especially sexual abuse, are more likely than people with no history of abuse to become frequent users of emergency and medical care services.

Ich werde Frau Gerber Rüegg eine Kopie des Artikels senden.

Zur 'Einkommenslüge': Ich habe diesen Begriff deshalb benutzt, weil von feministischer Seite behauptet wird, Frauen erhielten ausschliesslich aufgrund ihres Geschlechtes weniger Lohn und hätten weniger Karrieremöglichkeiten. Für diese Aussage gibt es keinen empirischen Beleg. Es ist allerdings so, dass Frauen aufgrund ihrer bis heute gesellschaftlich verankerten Rolle als primäre Kinderbetreuerinnen für potenzielle Arbeitgeber ein quantifizierbares Ausfallrisiko darstellen. Arbeitgeber berechnen daraus einen 'Betreuungs-Malus' den - eben aufgrund ihrer Rolle, und nicht ihres Geschlechtes - heute vor allem Frauen zu tragen haben. Ich habe darauf hingewiesen, dass es auch im Interesse von engagierten Vätern liegt, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so ändern, damit auch Väter mehr Betreuungsarbeit leisten. Deshalb verlangen wir und unser Dachverband GeCoBi auch einen ausgedehnten Vaterschaftsurlaub. Dies liegt nicht nur im Interesse von engagierten Vätern. Selbst wenn der Tag kommen sollte, an dem Väter den Müttern rechtlich völlig gleich gestellt sein sollten, nützt dies ihnen nichts, wenn die ökonomischen Zwänge so gross sind, dass sie ihre Vaterschaft gar nicht wahrnehmen können. Der Vaterschaftsurlaub nützt aber auch und vor allem Frauen, weil dann der einseitige Betreuungsmalus wegfällt. Wenn Männer und Frauen gleichwertig betreuen, gibt es keinen Grund mehr für eine Benachteiligung von Frauen. Frau von der Leyen, frühere deutsche Familienministerin und keiner Männerfreundin, hat diese Zusammenhänge erkannt und einen ausgedehnten Vaterschaftsurlaub eingeführt. Innert drei Jahren haben bereits ca. 15 % der Väter schon wahrgenommen, viele andere möchten gerne, können aber aufgrund beruflicher Zwänge nicht. Diese Aussage habe ich sowohl an der Tagung vom Samstag wie auch am Gespräch vom Sonntag gemacht. Frau Gerber Rüegg hat darauf die Wirtschaft dafür verantwortlich gemacht, dass es zu wenig Teilzeitarbeitsplätze für Väter gebe. Ich habe Frau Gerber Rüegg entgegnet, sie mache es sich zu einfach, den Schwarzen Peter der Wirtschaft zuzuschieben. Bei allem Verständnis dafür, dass Politik nicht im luftleeren Raum stattfindet, liegt es an der Politik (als Ganzes), ihre Gestaltungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Es fehlt an kreativen Ansätzen.

Was paradox ist, dass dieser Diskurs auch für die gemeinsame elterliche Sorge gilt, das die SP mit ihrer Vordenkerin Jacqueline Fehr so heftig bekämpft. Generell vertritt der Feminismus (konkret hier der SP-Feminismus) nicht die Interessen jener grossen Zahl von allein erziehenden Müttern, die unter ihrer Dreifachbelastung von Kindern, Haushalt und Beruf leiden und sich nichts sehnlicher wünschen als dass die Betreuungsarbeit auch von Vätern wahrgenommen wird, sondern die kleine Anzahl jener Frauen, die ihr Kind als ihr Eigentum betrachten und nicht wollen, dass Väter ihre Rolle im Leben ihrer Kinder behalten. Deshalb wehrt sie sich mit Händen und Füssen gegen eine Aufwertung von Vätern im Gesetz und bei den Behörden. In diesem Sinne betrachte ich die SP als frauenfeindliche Partei.

Artikel '20 Minuten'