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Unliebsame Vergangenheit? - In den Schredder damit!

So geht der Kanton Graubünden mit den dunklen Flecken in seiner Vergangenheit um. Die Akten der Kinderheime der Stiftung 'Gott hilft' wurden auf Geheiss der büdnerischen Nomenklatur vernichtet - der systematische Missbrauch von Kindern wird so vertuscht.

In diesen Tagen erscheint das Buch "Niemandskinder. Erziehung in den Heimen der Stiftung «Gott hilft» 1916 bis 2016". Geschrieben wurde das Buch von Christine Luchsinger, Historikerin und ehemalige Vize-Direktorin des Zürcherischen Amtes für Jugend und Berufsberatung. Als solche hatte sie über viele Jahre hinweg das Zürcher Heim- und Pflegkindwesen unter sich.

Nun wäre es wohl vermessen, von jemandem mit einem solchen Lebenslauf eine allzu kritische Auseinandersetzung mit den teilweise fürchterlichen Vorkommnissen in den Heimen der Stiftung erwarten zu wollen. Auch im Tages-Anzeiger erhält das Buch durch ein Interview mit der Autorin eine mehr als salbungsvolle Beurteilung.

Dass die Wahrheit etwas anders aussieht, legt Michael Handel von 'Kinder ohne Rechte' dar. Er vor sechs Jahren als erster über die gravierenden Vorkommnisse in der Stiftung 'Gott hilft' berichtet. Mitarbeiter und ehemalige Betroffene erzählten ihm über zahlreiche Fälle von 'erduldeten Grausamkeiten, sadistischer Misshandlung, Vergewaltigung und Isolation'. Heute weist darauf hin, dass Luchsinger bis Ende 2014 die Heime der Stiftung in Herrliberg und Stäfa zu beaufsichtigen hatte und auch für die ausserkantonale Platzierung von Kindern verantwortlich war, jedoch bereits 2013 mit ihr einen Vertrag zum Abfassen der Stiftungschronik unterschrieben hatte - ein etwas fragwürdiges Doppelmandat. 

Zudem kann keine Rede davon sein, dass es sich dabei um eine unabhängige Untersuchung der Geschehnisse in diesen Heimen handelt. Sie hatte nur Zugang zu jenen Zeitzeugen, die ihr von der Stiftung angegeben wurden. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass diese wohl kaum ihre grössten Kritiker nennen würde... Was ebenso schwer wirkt ist die Tatsache, dass sämtliche Akten der Stiftung 'Gott hilft' im Jahr 2002 auf Geheiss des Bündner Staatsarchivs vernichtet wurden. Der damalige Datenschutzbeauftragte Thomas Casanova (FDP) war mit dem Vorgehen des Parlamentskollegen und Stiftungsleiters Daniel Zindel und des Regierungsrates Claudio Lardi einverstanden. 

Michael Handel scheibt: "Das Staatsarchiv stand zu jener Zeit unter Führung des Regierungsrates Claudio Lardi, welcher nach eigenen Angaben auch Privat einen freundschaftlichen Kontakt zum SP-Parteikollegen Zindel pflegt. Stiftung wie auch Kanton erkannten die Brisanz der Stiftungsakten und haben daher in einer gemeinsamen Vernichtungsaktion alle für sie belastenden Spuren unwiederbringlich zerstört. Ein grosser Verlust für die Sozialgeschichte und für die kritische Aufarbeitung, was von Opferseite denn auch heftig kritisiert wurde."

Doch wer glaubt, all das sei Vergangenheit, der irrt. "Auf Claudio Lardi, Vorsteher des Departements für Erziehung und Kultur (EKUD), folgte Martin Jäger. Jäger sass 2000 bis 2006 zusammen mit Stiftungsleiter Daniel Zindel für die Sozialdemokratische Partei (SP) im Grossen Rat des Kantons Graubünden. Stiftungsleiter Zindel, Regierungsräte Lardi und Jäger: Alle Drei alte Duzfreunde, vertraute Parteigenossen welche aufeinander zählen können."

Es überrascht deshalb wenig, dass die bündnerische Nomenklatur mauert, wenn man ihr etwas auf den Zahn fühlt. So wollten die Verantwortlichen weder bekannt geben, wie viel Steuergelder sie an die Jubiläumsbeweihräucherung der Stiftung beigesteuert haben, noch - und das wiegt viel schwerer - wollen sie die Opfer der durch die Stiftung begangenen (und von den Behörden gutgeheissenen) Abscheulichkeiten in irgend einer Form entschädigen.

Einmal mehr bestätigt sich, dass der Ungeist der Vergangenheit noch keineswegs tot ist - er lebt bis heute weiter in Institutionen, die sich selbst und ihren Bütteln am nächsten stehen.