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Vier Jahre Gefängnis wegen falschen Missbrauchsvorwürfen

In der italienischen Stadt Terni ist nach vier Jahren Gefängnis ein Mann entlassen worden, dem der Missbrauch seiner Kinder vorgeworfen wurde. Erwachsen geworden, haben seine Kinder diese Vorwürfe zurückgenommen: "Mami hat uns gezwungen zu lügen".

Im Jahr 2000 wurde der Lastwagen-Chauffeur Saverio eines widerlichen Verbrechens angeklagt; dem Missbrauch seiner eigenen Kinder, die damals 9 und 12 Jahre alt waren. Sie waren es, die ihn beschuldigten, zuerst mit seltsamen Zeichnungen in den Schulheften und dann mit einer verwirrenden Geschichte bei einem Pool von Polizisten und Psychologen.

Im Verlauf von 15 endlosen Jahren hat der Fall die üblichen drei Instanzen durchlaufen, wurde aber vor einigen Monaten wieder aufgerollt. Der erste Paukenschlag geht auf den September 2015 zurück. Michele und Saverio, die beiden Söhne des Angeklagten, ziehen ihre Anschuldigungen zurück. Sie erzählen eine ganz andere Wahrheit und überzeugen die Richter des obersten italienischen Gerichts, den Prozess erneut durchzuführen. Nun kam das Urteil des Appellationsgerichts in Perugia: "Freispruch, weil keine strafbare Handlung vorliegt und sofortige Freilassung."

"Wir haben ihn wieder auferstehen lassen und nun sind wir die glücklichsten Menschen der Welt!", schreit Gabriele. "Papa verdiente es nicht, noch weiter als Unschuldiger im Gefängnis zu sitzen. Er hat uns nie angefasst; es war unsere Mutter, die uns gezwungen hat, diese Lügen zu erzählen. Als wir aufgewachsen waren, verstanden wir die Schwere der Situation und haben entschieden, dass der Moment gekommen war, etwas zu tun. Nun nehmen wir das gemeinsame Leben wieder auf."

Sechs Stunden nach dem Urteil verlässt Saverio das Gefängnis und macht sich schon Sorgen um eine neue Arbeit. Inzwischen versucht er, die zerschnittenen Familienbande wieder zusammenzufügen. "Ich war fast sicher, dass es enden würde. Die Widersprüche waren offensichtlich, es war augenscheinlich, dass die Anschuldigungen nur auf Erfindungen beruhten. Aber dass ich freigekommen und nicht im Gefängnis gestorben bin, verdanke ich meinen Söhnen. Sie hatten den Mut, die ganze Wahrheit zu erzählen. In dieser Beziehung hatte ich grosses Glück. Viele andere sitzen unschuldig hinter Gittern und haben nicht die Unterstützung durch jemanden, der die Kraft hat, für sie einzutreten."

Mit Untersuchungshaft und dem Arrest nach der Verurteilung zu neun Jahren Gefängnis war Saverio insgesamt 46 Monate hinter Gittern. Eine harte Zeit: "Wer mit einer solchen Anschuldigung einsitzt, wird von Anfang an schlechter als andere Gefangene behandelt. Er ist von allen isoliert und wird mit grösserem Misstrauen beäugt. Ich wurde nie misshandelt, aber die Lage war wirklich sehr schwierig. Die Resonanz, die Zeitungen und Fernsehen unserer Geschichte gegeben haben, hat mir sehr geholfen: Die anderen Gefangenen und auch die Wärter haben verstanden, dass ich schuldlos einsass. Deshalb habe ich bis heute von allem höchste Wertschätzung erfahren. Bis der Freispruch erfolgt ist, war dies jedoch nur ein schwacher Trost."

Die beiden Brüder schrieben den Richtern eine lange Abhandlung darüber, dass die Geschichten über sexuellen Missbrauch nur die Frucht ihrer Erfindungsgabe sei; 42 Seiten, die Verhören, Anschuldigungen und Urteilen den Boden unter den Füssen wegzogen. Diese Schrift hatten sie dem Pflegeheim anvertraut, indem sie aufgewachsen waren, doch bei der Staatsanwaltschaft in Oristano ist nie etwas angekommen. "Leider hatten sie schon entschieden, dass ich verurteilt werden sollte und haben es durchgezogen", ruft Saverio aus. "Ein Vater, der dieser Verbrechen beschuldigt wird, kann nicht als Unschuldiger nach Hause geschickt werden. Für meine Verteidigung gab es nie Raum. Alle Akten und Zeugenaussagen, die meine Unschuld hätten belegen können, wurden nicht in Betracht gezogen. Es war nicht einfach, diese Anschuldigungen zu hören und mich nicht verteidigen zu können. Erst in den letzten beiden Jahren habe ich verstanden, dass der Kampf meiner Söhne etwas gebracht haben könnte."

Zurück in Sardinien könnte Saverio seine Arbeit als Transporteur für einen Lebensmittelvertrieb wieder aufnehmen. "Das ist wirklich mein zweites Leben. Aber nun, wo ich wieder frei bin, möchte ich meiner Ex-Frau eine Botschaft schicken, welche die Kinder überzeugt hat mich anzuschuldigen, nur um mich loszuwerden. Ich möchte, dass sie darüber nachdenkt, was sie getan hat: Um es zu verstehen würde es ausreichen, auch nur einen einzigen Tag hinter Gittern zu verbringen."

 

Ausführlicher Fernsehbeitrag (italienisch)