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Mailand: Schlange stehen für schnelle Scheidung

Jeder zweite Mittwoch im Monat ist in Mailand Scheidungstag. An diesem Tag konzentrieren sich die Richter auf die Abwicklung von sogenannt schnellen Scheidungen. Der Andrang ist so gross, dass die Betroffenen Schlange stehen müssen.

Schlange vor Justizgebäude in Mailand

Wie die Mailänder Zeitung Corriere della sera berichtet, spielt sich vor dem Justizgebäude in der Via San Barnaba an jenem Tag ein beeindruckendes Ritual ab. Neben den üblichen Gerichtsgängern waren an die Tausend Scheidungswillige mitsamt ihren Begleitern auf Einlass. Ein defekter Metalldetektor trägt auch nicht dazu bei, dass der Fluss rascher voran kommt.

Im Justizgebäude sind sowohl die erste Instanz als auch das Berufungsgericht in Arbeits- und Familiensachen untergebracht. An jenem zweiten Mittwoch im Monat kümmern sich zehn Richter - unterteilt in 3 Spruchkammern - speziell um die einvernehmlichen Scheidungen. Sie führen jeweils durchschnittlich 250 Anhörungen durch. 

Der Grund für diese Zustände ist eine kürzlich durchgeführte Gesetzesrevision, welche die Fristen bei einer einvernehmlichen Scheidung massiv reduziert hat. Nach sechs Monaten Trennung und einem gemeinsamen Antrag kann die formelle Durchführung der Scheidung innert 10 Tagen über die Bühne gebracht werden.

Leider teilt uns der Corriere della sera nicht mit, wie es den Anstehenden ergangen ist. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Begriff schnelle Scheidung mit den Massstäben der italienischen Bürokratie gemessen werden muss. Zweifellos ist es auch nicht das höchste der Gefühle, stundenlang in nächster Nähe einer Person zu stehen, die man eigentlich loswerden will. Wir wissen nicht, ob in der langen Wartezeit schwelende Beziehungskrisen in handfeste Konflikte eskaliert sind oder ob sich im Gegenteil unter den Gleichgesinnten bereits neue Allianzen angebahnt haben.